„Commoning“ 1 im urbanen Kontext verweist auf das Teilen von Sphären der Nutzung und des Zugangs, bei der kollektive Aneignung und Interaktion im Vordergrund stehen. Diese Räume sind nicht nur funktionale Elemente urbaner Planung, sondern auch Stätten, an denen soziale Ordnungen und demokratische Prinzipien verhandelt werden. Hier manifestieren sich Auseinandersetzungen um Zugehörigkeit, Verteilung und Partizipation, wodurch politische Implikationen städtischer Raumkonzeptionen deutlich werden.
Der Verlust dieser urbanen Commons deutet auf eine tiefgreifende strukturelle Transformation hin – eine Veränderung, die den Raum und die soziale Kohäsion der Stadtbewohner:innen betrifft. Dieser Verlust geht über ökonomische Enteignung hinaus und reflektiert eine Verschiebung im sozialen Gefüge.
In diesem Zusammenhang wird beispielsweise die Gentrifizierung einer der zentralen Bedrohungen städtischer Commons. Die Stadtplanung folgt zunehmend ökonomischen Interessen, was die Verdrängung nicht-kommerzieller Räume begünstigt.
Das Resultat ist eine Standardisierung und Exklusivität urbaner Räume, die Werte wie Diversität, Freiheit und sozialen Austausch untergräbt. Der allgemeine städtische Raum verschwindet nicht nur physisch, sondern wird auch ideologisch umgedeutet: Das „Recht auf Stadt“ wird an monetären Wert geknüpft, während Potenziale gemeinschaftlicher Selbstbestimmung entwertet und durch Konsumlogiken ersetzt werden.
„Queering“ 2 nach Sara Ahmed bezieht sich auf eine dekonstruktivistische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Normen durch künstlerische Praktiken. Es handelt sich um eine Strategie zur Rückgewinnung des Mediums und deren Nutzung, um den Status quo in Frage zu stellen und neue Ausdrucksformen zu schaffen. Ähnliche konzepte der Rückgewinnung durch nutzung thematisieren auch Theo Hug und Wolfgang Sützl.
Überträgt man Ahmeds Ansätze auf die Bereiche des Städtebaus und städtischer Architektur, wird er zu einem kritischen Impuls, der bestehende urbane Planungsprozesse hinterfragt. Anstelle kapitalistischer und standardisierter Strukturen könnten alternative Nutzungsmöglichkeiten entstehen, die das Machtgefüge und die normativen Vorstellungen von städtischem Raum aufbrechen.
Der städtische Raum könnte als demokratisches Medium verstanden werden, das allen Stadtbewohner:innen Zugang gewährt – frei von Konsumzwang und Profitmaximierung. Durch diese Praxis würden neue alternative Räume geschaffen, die die kapitalistische und arbeitszentrierte Logik herausfordern und stattdessen Diversität und Inklusion fördern. Sie fungieren als Widerstand gegen die Fragmentierung und Privatisierung des urbanen Raums und tragen dazu bei, den öffentlichen Raum auf der Grundlage gemeinschaftlicher Nutzung und sozialer Bedürfnisse neu zu gestalten.
Carlesmari (2023). Superilla de la Petxina in Valencia während der Fallas 2023. CC BY-SA 4.0.
Superilles in spanischen Großstädten: ein urbanes Konzept, bei dem Straßen für den motorisierten Verkehr gesperrt werden, um Raum für Fußgänger:innen, Radfahrer:innen und Grünflächen zu schaffen – ein Modell, das ebenfalls in Leipzig durch SUPERBLOCKS e.V. umgesetzt wird.
Die Verschiebung hin zu gentrifizierten, kommerzialisierten und standardisierten städtischen Räumen erfordert eine kritische Reflexion darüber, wie diese Transformation dokumentiert und der Gegenwart entgegengestellt werden kann. Das Archiv, so Carolyn Steedman in Dust: The Archive and Cultural History 3 , wird nicht als passive Sammlung verstanden, sondern als aktiver Selektionsprozess, der bestimmte Narrative hervorhebt und andere marginalisiert. Archive formen historische Erinnerung und tragen das Potenzial, gegenwärtige Entwicklungen infrage zu stellen.
Die Archivierung verlorener Urban Commons wird somit zu einer politischen Praxis. Jedoch zielt sie nicht allein auf die Rekonstruktion des Vergangenen – einem Ort an denen diese Konzepte lediglich begraben liegen – sondern auf die Reaktivierung widerständiger Narrative. Visuelle Zeugnisse, kontextuelle Informationen, historische Daten und mediale Artefakte werden zu einer Gegenöffentlichkeit, die die gegenwärtige Transformation der Stadt untergräbt und im Protest als Beweislage dienen soll.
Das Sammeln und Kuratieren dieser Artefakte kann als Akt des Widerstands (wenn auch vielleicht nur randständig) gegen die Monopolisierung urbaner Räume verstanden werden. Es schafft widerständiges Gedächtnis, visualisiert subversive Konzepte und könnte nachhaltig neue Perspektiven oder Erkenntnisse eröffnen, anhand derer neuere alternative Stadtmodelle potenziell entwickelt, weiterentwickelt oder ergänzt werden können.
Rasande Tyskar (2010). FRAPPANT-IKEA: A Box for a Box. CC BY-NC-SA 2.0.
Das ehemalige Karstadt-Gebäude in Altona-Altstadt wurde eigeninitiativ von Architekt:innen, Designer:inen und Künstler:innen für Zwischennutzungen geöffnet. Bis 2009 arbeiteten dort rund 50 Kreative in zehn Einheiten.